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Pedalhelden unter Strom

Pedalhelden unter Strom

200 Jahre nach seiner Erfindung ist das Fahrrad beliebt und vielseitig wie nie, E-Bikes und Pedelecs revolutionieren den Zweirad-Markt. Auch im Sportbereich rollen immer mehr Räder mit elektrischem Antrieb. Das Münchener Jungunternehmen FAZUA hat ein System entwickelt, das sich speziell an sportliche Radfahrer richtet, die nur punktuell unterstützt werden wollen. Im preisgekrönten evation-Antrieb stecken auch Teile von Ludwig Meister.

 

zum Video FAZUA Antrieb und die Erfinder

 

 

Stabil und kompakt verrichtet der evation-Antrieb nahezu unsichtbar seine Arbeit.

In Oberammergau rattert der Schlepplift auch im Sommer. Wer sich dann vor den Anker schwingt und den Kolbensattel hochschleppen lässt, hat keine Skier, sondern Pedale unter den Füßen. In der warmen Jahreszeit ist die Anlage fest in der Hand von Mountainbikern. Mit Helm und Schutzkleidung gepanzert, fahren die Radsportler geordnet und geduldig die 640 Meter lange Strecke des Kolbenlifts nach oben, ehe sie sich von dort kurvige und winkelreiche Trails, über Stock und Stein, ins Tal hinunterstürzen.

Einer von ihnen ist Felix Kuffner. Als Jugendlicher sammelte er Pokale auf BMX-Parcours. Fahrrad und Hindernis, das gehört für den 26-Jährigen und die Biker von Oberammergau untrennbar zusammen. Zwei Dinge unterscheiden ihn jedoch. Kuffner ist im Gegensatz zu den Freizeitfahrern beruflich hier. Er testet einen neuen Antrieb. Im Rahmen seines Mountainbikes (MTB), und das ist der zweite Unterschied, steckt ein elektrischer Motor samt Batterie.

Die Energie liefert das Drivepack, das sich komplett im Rahmen versteckt.

Kuffner ist Testfahrer, aber vor allem Marketing-Manager bei FAZUA. Denn Testfahrer sind sie dort irgendwie alle. Von leidenschaftlichen Fahrradfahrern gegründet, hat das Jungunternehmen aus dem Süden Münchens einen leichten und ultrakompakten Elektroantrieb für Fahrräder entwickelt. Das Fahrgefühl, so die Idee, solle sich von einem klassischen Rad nicht unterscheiden. „Natürliches Fahren ist alles, was uns nicht daran erinnert, dass wir auf einem E-Bike sitzen“, sagt Kuffner. „Wir wollen, dass es sich auf auf einem E-Bike genauso anfühlt, wie auf einem Fahrrad, mit dem wir aufgewachsen sind. Nur mit der Unterstützung an genau den Stellen, wo es weh tut.“ Der FAZUA-Antrieb greift also bei Bedarf fließend in die Bewegung ein, das natürliche Fahrgefühl bleibt weitgehend erhalten.

Anfangs, vor etwa zehn Jahren, galten E-Bikes und Pedelecs als Rentnerräder. Nach dem Motto: Wem auf der Straße die Puste ausgeht, lässt sich batteriegetrieben anschieben. Sportler empfanden die Nutzung vom Stromantrieben als Sakrileg: Wer was auf sich hält, strampelt selbst. Für sportliche Zwecke war die erste Generation der Elektrofahrräder zudem zu schwer. Vom klobigen Aussehen ganz zu schweigen.

"Die Gaudi, die man mit unserem Antrieb haben kann, fängt da an, wo eben kein Lift ist."  

Felix Kuffner, FAZUA

 

Damit sich das ändert, verbauen die großen Hersteller wie Bosch, Yamaha, Panasonic und Brose ihre Elektromotoren seit einiger Zeit auch in Mountainbikes. In diesen namhaften Reigen stößt FAZUA. Allerdings mit einem etwas anderen Konzept, wie Firmengründer Johannes Biechele erklärt: „Wir wollten keinen weiteren Aufzug bauen, der einen nach oben schiebt. Bei uns bleibt das E-Bike trotz E-Antrieb ein Fahrrad.“

Das bekommt Felix Kuffner bei der Testfahrt in Oberammergau zu spüren. Auf einem anderen Trail am Fuße des Labers will er ohne den Lift hinauf. Wuchtig tritt er in die Pedale, auf dem kiesigen Weg rollen einige Steinchen zur Seite, die breiten Reifen drehen durch. Selbst sportliche Fahrer hätten hier ihre Probleme.

Felix Kuffner, Marketing Manager und Testfahrer bei FAZUA, im Einsatz

So bricht auch Kuffner den ersten Versuch nach einigen Höhenmetern schweißgebadet ab. Zweiter Anlauf, diesmal mit zugeschaltetem E-Antrieb. Immer noch kein Kinderspiel, Kuffner pustet durch, kommt aber voran. Dank der elektrischen Unterstützung aus dem Rahmen, die wahlweise 125, 250 und in der Spitze bis zu 400 Watt Leistung beisteuert. „Die Gaudi, die man mit unserem Antrieb haben kann, fängt da an, wo eben kein Lift ist“, sagt Kuffner etwas außer Atem, aber stolz.

"Unser Ansatz ist das Leichte, das Hochintegrative."

Johannes Blechele, FAZUA Geschäftsführer

 

Der FAZUA-Antrieb mit dem Namen evation ist kompakter und leichter als die bisher etablierten Modelle auf dem Markt. Schlanke 4,6 Kilogramm wiegt das Gesamtpaket aus Motor, Getriebe und Akku. Deutlich weniger als die Konstruktionen anderer Hersteller. Dafür hat der Münchener Motor zwar weniger Leistung und wegen des kleineren Akkus eine geringere Reichweite. Für sportlich ambitionierte Fahrer müsse das aber kein Nachteil sein, sagt FAZUA-Chef Biechele: „Unser Ansatz ist das Leichte, das Hochintegrative.“

Dafür haben die radelnden Jungingenieure Verpackungstalent bewiesen. Alle Komponenten sind im sogenannten Drive Pack untergebracht, ein Element im Unterrohr des Fahrrads, das den Antrieb nahezu unsichtbar im Rahmen verschwinden lässt. Einzig ein Armbanduhr-großes Steuermodul am Lenker verrät die technischen Finessen im Innern.

Das einzig sichtbare Element ist die Steuerung, mit der sich die Unterstützung durch den Antrieb einstellen lässt.

Mit diesem Konzept mischen die Münchener die Zweiradszene auf. Auf der Messe Eurobike, die im Spätsommer 2017 über 22.000 Fahrradlieber nach Friedrichshafen am Bodensee lockte, heimsten sie den begehrten Gold Award im Bereich „Komponenten“ ein. Die Jury schrieb in ihrer Begründung gar von einem „neuen Segment“, das FAZUA mit evation geschaffen hat: „Der Clou: Wer gerade keine Lust auf ‚E’ hat, nimmt den Antrieb einfach raus.“

Technisch gesprochen: Bei Geschwindigkeiten über 25 Stundenkilometern entkoppelt der Motor vom Tretlager, der Fahrer muss nicht gegen das Getriebe antreten. „Quasi wie auf einem normalem Rennrad“, sagt Kuffner. „Das macht den evation-Antrieb für Sportler so attraktiv, da dieser nur beim Anfahren, bei Gegenwind oder Steigungen unterstützt.“

Nun darf die Frage gestattet sein, ob ein elektrischer Antrieb überhaupt in ein Sport-Fahrrad gehört, wenn er aus Sportlersicht doch einige Nachteile mit sich bringt, etwa das höhere Gewicht und das unerwünschte Gefühl des Sich-Helfen-Lassens. Puristen mögen das weiterhin so sehen, in der Breite sei dieses Denken aber überholt, sagt Dr. Achim Schmidt von der Deutschen Sporthochschule Köln: „Der Markt wird gerade revolutioniert, die Getriebetechnik hat sich deutlich verbessert.“ (siehe Interview)

Elektrische Motoren, anfangs nur in City- oder Trekkingbikes verbaut, seien mittlerweile in fast allen Produktgruppen zu finden, schreibt der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Im Jahr 2017 lag der Anteil an E-Bikes unter allen in Deutschland gekauften Fahrrädern erstmals bei über 20 Prozent. Das macht in absoluten Zahlen mehr als eine halbe Million E-Bikes, eine Steigerung von 100.000 im Vergleich zum Vorjahr (410.000).

Für die Saison 2018 sind dann auch einige Tausend Räder mit FAZUA-Antrieb dazugekommen. Mehrere Hersteller, unter anderem Focus, Cube, Bianchi und Maserati, haben MTB-Modelle mit dem evation-System auf den Markt gebracht. In ihrem Innern stecken auch Teile von Ludwig Meister: Für Kugellager und Sicherungsringe des evation-Antriebs schauten sich die FAZUA-Ingenieure mit Firmensitz in München-Sendling im technischen Handel um und wurden 23 Kilometer nordwestlich in Dachau fündig. Bei Ludwig Meister fanden sie nicht nur die passenden Teile, sondern auch Rat und Know-how. „Die Jungs von FAZUA waren auf der Suche nach Teilen für das Tretlagergetriebe. Da haben wir uns zusammengesetzt und geschaut, was für das evation-Konzept die beste Lösung ist“, sagt Söner Göcek, Key Account Manager bei Ludwig Meister. Das war im Jahr 2016.

Hat noch viel vor: Geschäftsführer Johannes Bechele ist von Beginn an mit dabei. 2011 entwickelten er und Fabian Reuter den ersten Prototypen.

Patente sind angemeldet, der Antrieb wird in Serie gefertigt und ist in der Szene mittlerweile ein Begriff – die ersten Hürden hat FAZUA seither mit Bravour genommen. Das nächste Ziel ist, das evation-System auch im Rennrad zu etablieren. Fachleute sind wegen der speziellen Charakteristik des Rennrads noch skeptisch (siehe Interview). Biechele glaubt aber: „Das E-Rennrad wird ein riesenstarkes Feld werden.“ Der Fahrradhersteller FOCUS hat in seinem vielbeachteten „Project Y“ bereits einen seriennahen Prototypen entworfen. Für die ultraleichten Rennräder – mit evation-System wiegen die drei leicht unterschiedlichen Project-Y-Modelle jeweils unter zwölf Kilogramm – gewann der niedersächsische Hersteller zusammen mit FAZUA ebenfalls einen Gold-Award auf der Messe Eurobike.

Vom Trail auf die Strasse. Der evasion-Antrieb in einem Pinarello Modell Nytro.

Das große Potenzial im MTB-Bereich hat FOCUS bei einer spektakulären Alpenüberquerung bewiesen. Mountainbike-Europameister Florian Vogel (Schweiz) und sein deutscher Kollege Markus Schulte-Lünzum fuhren die Heckmair-Route von Oberstdorf bis nach Riva am Gardasee in Rekordzeit. Für die 400 Kilometer mit 16.000 Höhenmetern brauchten die beiden 27 Stunden, 20 Minuten – und den evation-Antrieb, der ihren FOCUS Raven2-Mountainbikes zusätzlichen Schub verlieh.

 


 

Intakt. im Gespräch: „Der Markt wird revolutioniert.“

Dr. Achim Schmidt, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln

Die Verkaufszahlen für Elektrofahrräder wachsen kontinuierlich. Woran liegt das?

Anfangs wurden E-Fahrräder belächelt, nicht nur von Sportlern. Doch seit einiger Zeit findet ein Umdenken statt. Der Markt wird gerade revolutioniert. Auch, weil sich die Getriebetechnik deutlich verbessert hat und sich das unterstützte Fahren dem natürlichen Fahrgefühl annähert. Darin steckt noch ein Riesenpotenzial. Im Moment sind wir bei einem Anteil von 20 Prozent, das hätte sich vor zehn Jahren noch keiner träumen lassen.

Warum ist der E-Antrieb nun auch immer öfter in Sporträdern zu finden?

Viele Menschen wollen mit dem Mountainbike in die Berge, würden es aber körperlich nicht schaffen. Jetzt ist es plötzlich möglich. Vor zwei Jahren haben das nur echte Sportler gemacht, heute sieht man Heerscharen auf den alpinen Trails. Das ist einerseits gut für den Tourismus und die Fitness der Menschen. Andererseits erhöhen sich deswegen die Unfallzahlen, weil die Fahrer oft ungeübt sind und die Gefahren in den Bergen unterschätzen.

Wird sich der E-Antrieb auch im Rennrad durchsetzen?

Im Mountainbike ist der Durchbruch schon längst da. Aber ich glaube, im Rennrad-Bereich wird der Prozess länger dauern. Wer einigermaßen fit ist, bewegt sich ohnehin schnell über der 25-Stundenkilometer-Marke, bei der in normalen Pedelecs der Motor abschaltet. Außerdem ist das Thema E-Doping im Rennrad-Bereich durch Vorfälle im Profisport immer noch negativ besetzt. Aber das könnte sich auch ändern, die Vorteile sind schließlich dieselben wie beim Mountainbike. Das E-Rennrad könnte zum Beispiel interessant sein für ältere Fahrer, die noch mit Freunden oder Partnern mithalten wollen.

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Max und die SupplyChainHelden

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