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Der fast vierzehn Meter hohe „Zirkustrick“

Der fast vierzehn Meter hohe „Zirkustrick“

Wer das neue Futurium in Berlin besucht, zieht vielleicht erst mal den Kopf ein: Vor dem vom Bund finanzierten Ausstellungshaus und Labor der Zukünfte „eiert“ ein vier Meter großer Teller an der Spitze eines über dreizehn Meter langen Metallstabs durch die Luft. Die Max Streicher GmbH & Co. KG aA aus Deggendorf verwirklichte das fragil anmutende Kunstwerk mit Hilfe von Ludwig Meister und der SKF.

 

Die scheinbare Instabilität der „Drehmoment“ genannten Skulptur kommt nicht von ungefähr: „Die Arbeit kann als ein objektgewordener, vergrößerter Zirkusakt gelesen werden, als kindliche Spielerei“, beschreibt Jan Edler von der Berliner Künstlergruppe „realities:united“ das Werk. Oder als die Vorführung eines Tricks, wo dynamisches Handeln die übliche statische Konstruktion des Kunstwerks ersetze. „Darin steckt einiges von dem, was wir von der Zukunft erhoffen oder befürchten“, so Edler weiter: „Faszinierend, trickreich und effizient, aber auch irgendwie unerklärlich, unruhig und riskant.“

Jan Edler weiter: „Das Dynamische ist mehr als ein moderner Ersatz für die alte Statik. Es macht aus dem, was bisher eine tote Gegebenheit, vielleicht das Ergebnis eines zurückliegenden Schaffungsprozesses war, etwas, was immer wieder neu geschaffen wird, wohinter eine gegenwärtige immaterielle Macht, ein Programm, ein Wille oder möglicherweise ein ,Geist‘ steht, die ebenso wichtig sind wie die geltenden Naturgesetze.“


Exzentrisch und schwierig


Mit der Realisierung dieses einzigartigen Vorhabens wurde die Max Streicher GmbH & Co. KG aA aus Deggendorf beauftragt – und diese sah sich mit der enormen Exzentrizität der Konstruktion konfrontiert. Beispielsweise weicht der Stab, auf dem der Teller „tanzt“, um ca. acht Grad von der vertikalen Achse ab. Damit ragt er an seiner höchsten Stelle um etwa 1,5 Meter über die Mitte der eigentlichen Antriebswelle hinaus. „Hinzu kommt, dass der Teller selbst rund 170 Kilogramm wiegt und sich tatsächlich nur durch die Kreisel- und Zentrifugalmomente aufrichtet“; so Andreas Beck, Leiter Planung und Entwicklung bei Max Streicher. Und dazu müsse die Antriebswelle mit bis zu 50 Umdrehungen pro Minute rotieren – wodurch sich die Mastspitze infolge elastischer Verformung um weitere 17 Zentimeter nach außen biege.

 

Wegen ihrer beabsichtigten Unwucht stellte die kinetische Skulptur „Drehmoment“ die Ingenieure vor einige Herausforderungen (Bilder: realities:united, studio for art and architecture, Axel Schmidt;

 

Um vermeintliche Risiken für die Betrachter des überdimensionalen Balance-Akts auszuschließen, simulierte Beck sämtliche mechanischen Eigenschaften des Objekts zunächst im Computer. „Dazu gehörten unter anderem Massen, Trägheiten, Längen, Reibungen, Federn, Dämpfer oder auch Antriebe“, berichtet Beck. „Nach einigen ‘virtuellen Testläufen‘ fanden wir schließlich heraus, wie sich die künstlerische Idee am besten realisieren lässt.“


Bei der nun beginnenden Umsetzung suchte Max Streicher die Unterstützung bei Ludwig Meister. Zur Lagerung der Antriebswelle kamen eigentlich nur Pendelrollenlager infrage: „Diese extrem robusten, winkelbeweglichen Lager eignen sich beispielsweise für die meterlangen Presswalzen von großen Papiermaschinen oder Brechern, wo sie Schiefstellungen sowie hohe radiale und axiale Belastungen aufnehmen“, erklärt Gerald Egginger, Leiter der betreuenden Ludwig Meister-Niederlassung aus Regensburg.

 

 

Im Sockel des „Drehmoments“ bändigen zwei SKF EXPLORER-Pendelrollenlager mit einem Bohrungsdurchmesser von 400mm Unwuchtkräfte von bis zu 200 kN

 

Für die Auslegung der Lagerung nahm Ludwig Meister die Experten der SKF mit in Boot: „Als ich dieses Anforderungsprofil zum ersten Mal sah, war ich wirklich ziemlich erstaunt“, gesteht Sebastian Pfister, Anwendungsingenieur im Bereich „OEM & Distribution“ bei SKF in Schweinfurt. Denn normalerweise arbeite jeder Maschinenbauer darauf hin, Unwuchten so weit wie irgend möglich zu vermeiden. „In diesem Fall aber gehört die Unwucht zum künstlerischen Konzept. Insofern stellt das ‘Drehmoment‘ auch aus nüchterner Ingenieurssicht eine äußerst außergewöhnliche Maschine dar!“



Hydraulikbagger im Schleudergang


Unten beim massiven Fundament des Kunstwerks war der Platz im Lagergehäuse indes knapp: Dort blieben lediglich 120 Zentimeter Abstand zwischen den beiden Lagern. Außerdem musste Pfister während der konkreten Auslegung der Wellenlagerung berücksichtigen, dass bei der Rotation des „windschiefen“ Kunstwerks bis zu 200 Kilonewton in entgegengesetzten Richtungen auf die Pendelrollenlager einwirken. „Das entspricht in etwa dem Gewicht eines durchschnittlichen Hydraulikbaggers“, veranschaulicht Pfister die bei diesem „Schleudergang“ auftretenden Kräfte, „und daraus resultierten durchaus anspruchsvolle Anforderungen – unter anderem an die Lagersitze.“

 


Sockel des „Drehmoments“ Bild: Streicher

 

Blick nach vorn


Inzwischen spielen die SKF Lager, die per SEAL JET-Verfahren mit maßgeschneiderten Economos-Dichtungen aus S-Ecopur ausgestattet wurden, ihre enorme Tragfähigkeit voll aus: Während der Öffnungszeiten des Hauses sorgen sie fünfmal täglich in 45-minütigen Betriebsphasen dafür, dass die Besucher des Futuriums am Spreebogen Denkanstöße für die Welt von morgen erhalten. „Bis dahin tragen übrigens auch automatische Schmierstoffgeber der LAGD-Reihe zur reibungslosen Funktion des Objekts bei“, ergänzt Gerald Egginger. „Insgesamt vier dieser genial einfachen, gasgetriebenen Einheiten werden die Lager und die Antriebskette etwa sechs Monate lang vollkommen selbsttätig schmieren.“

 

Das neue Futurium in Berlin beherbergt ein Zukunftsmuseum mit lebendigen Szenarien, ein Zukunftslabor zum Ausprobieren und ein Zukunftsforum für den gemeinschaftlichen Dialog (Bilder: David von Becker).

 

Wer das „Drehmoment“ in Aktion sehen will, sollte das Futurium mal besuchen

Alexanderufer 2 

10117 Berlin 

Futurium

oder sich dieses Video anschauen:

realitiesunited Video Drehmoment

Nähere Informationen über die Künstlergruppe „realities:united“ gibt‘s hier:

realities-united

 



 

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